Im Sommerloch

Von Hanna Stoll, 12. Juli 2011

Geht es nach Kurt Imhof, haben die Uni-Studierenden die letzten Wochen mit Bulimie-Lernen verbracht: «reinfuttern, rauskotzen und vergessen.» Ausgekotzt fallen sie nun in ein Loch. Sommerlöchrige Gedanken.

  • Gedanken aus dem Sommerlochen (Illustration: Marius Buner)

Alle Jahre wieder laufen die Triebwerke der Gesellschaft im Sommer mit gemässigtem Energieaufwand. Mein  Kaffee braucht vier statt drei Minuten von der Theke bis zum Tisch, meine Freundin zwei Tage statt Stunden um mich zurückzurufen, die Post braucht sieben statt zwei Minuten um meine Einzahlung zu bearbeiten. Und der Typ am Telefon, um mir eine Information zu meinem Cablecom Anschluss zu besorgen, gefühlte acht Jahre.

Im Vakuum der Freizeit

Die Ruhe und das gemässigte Tempo sind nicht nur erträglich, sondern ausgesprochen angenehm, wenn man seiner Arbeit und seinen alltäglichen Pflichten gelassen nachgehen kann. Langsamkeit erleichtern Körper und Geist. Unerträglich ist diese Langsamkeit jedoch, wenn ich selbst das langsamste Glied in der Kette bin. Ich, die Studentin, die von allen am meisten Zeit hat, weil Semesterferien sind. Semesterferien bedeuten von Juni bis September zu viel Zeit, um sie genüsslich mit Nichtstun vorbeiziehen zu lassen und kein Geld, um sie mit Reisen, Kurztrips oder Ausflügen zu füllen. In diesem Vakuum scheinbar endloser, konsumfreier Freizeit katalysiert die Trägheit der Mitmenschen den letzten Impuls zur Tätigkeit. So verkommt die freie Zeit zur zähen Masse und bereits der Gang zur Migros wird zum Kampf gegen die sich weitende, innere Lethargie. Ein persönliches Sommerloch also, das sich über drei Monate hinzieht und die Gefahr birgt einen restlos aufzusaugen.

Shakespeare und Café

Die empirisch erlangte Kenntnis des studentischen Sommerlochs treibt die vorausschauenden unter uns dazu genau zu planen wie viel Tätigkeit es braucht, um nicht lethargisch zu werden und dennoch der allgemeinen Erwartung an die studentisch-sommerliche Nichtstuerei und dem inneren Bedürfnis nach zeitverschwenderischer Leichtigkeit nachzukommen. Um dem Sommerloch zu entkommen und eben die gewünschte Balance zwischen Tun und Lassen zu finden, sollten mir dieses Jahr eine Halbtagsbeschäftigung in einem Café und eine endlos lang scheinende Neue-Deutsche-Literatur-Akzess-Bücherliste Hilfe leisten. Die Uni gibt es so vor. Deshalb beginnen meine Literaturliste sowie mein Sommer mit Shakespeares Hamlet. Hamlet am Morgen, servieren am Abend. Und als hätte Shakespeare von meinem Plan gewusst, prophezeit er mir in den ersten Tagen der Ferien bereits das Scheitern desselben, wenn er schreibt: «Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel, nur der Gedank’ ist unser, nicht das Ziel.» Fehler in der Ferienplanung Gar so zufällig ist mein Plan jedoch nicht gescheitert, denn zwei Fallen hätten mir bei genauer Betrachtung auffallen müssen. Im Service arbeiten heisst nicht nur Kaffee machen, Geschirr spülen, Kunden anlächeln und sich über Trinkgeld freuen, sondern auch Nacht für Nacht den Feierabend zu geniessen oder zu begiessen. Dass die Nähe zu den Getränken durstig macht ist allgemein bekannt, und Stress und Schweiss mehren den Durst und wecken den Wunsch nach süsserer Belohnung als kaltem Wasser. Vom kleinen Kater geweckt zu werden, ist der erste Schritt auf dem Weg ins Sommerloch. Duschen geht langsam, Zeitunglesen ist anstrengend, mein Kaffee kommt langsam, ich trinke ihn langsam und die Schlange an der Migroskasse beginnt mich aufzufressen. Um das ersehnte Gleichgewicht herzustellen, folgt am späteren Nachmittag dann dennoch der Griff ins Bücherregal und ich widme mich wieder den Shakespeare’schen Pentametern – die Dank dem Nebel in meinem Kopf ebenfalls an Leichtfüssigkeit verloren haben und sich langsam dahin schleppen. In diesem Moment offenbart sich der zweite Fehler in meiner Sommerferienplanung: Lesen bewahrt nicht vor Langsamkeit und Lethargie.

Literarisch und substanziell hervorgerufene Räusche

Es fehlt an körperlicher Tätigkeit und Rumliegen oder -sitzen macht müde. Bücher bewegen, bauen Spannung auf, machen lachend, verwirrt oder wütend – absorbieren mich aber dennoch stets in eine andere Welt. Die Absorption in eine andere Welt ist per se nichts Schlechtes und bemerkenswerterweise verstärkt der watteweiche Nebel nach dem vorabendlichen Rausch scheinbar die Möglichkeit sich allumfassend in eine andere Welt hineintreiben zu lassen. In Büchern zu versinken ist schön, das Auftauchen – wie das Aufwachen nach dem Weingenuss – streng. Ich erliege also täglich und nächtlich den literarischen oder substanziell hervorgerufenen Räuschen, die die Welt verlangsamen, mich absorbieren und in die Trägheit des Sommerlochs manövrieren, die ich mit taktischer Planung und weiser Voraussicht vermeiden wollte.

Die Absorption des Sommerlochs

Zum jetzigen Zeitpunkt hat mich das Sommerloch schon absorbiert – und zwar bereits so sehr, dass ich mich nicht mehr dagegen wehren will. Lasse ich der eigenen Trägheit genügend Raum und ignoriere die Stimme im Kopf, die mich gebietet, mehr zu tun, wird das träge Treiben zur befristeten Lebensphilosophie. Und vielleicht gehört dieses jährliche, zum Ritual gewordene Suchen und Scheitern am Finden einer Balance auch einfach zum Leben einer Studentin. Ich weiss es nicht und bin zu sommerlöchrig, um es zu ergründen. Doch soviel sei gewiss: Spätestens im September spuckt mich der Sommer mit den letzten Sonnenstrahlen dem Herbstwind entgegen und ich werde auftauchen und zusehen, ob sich bis im nächsten Jahr ein standhafterer Plan zur Bekämpfung der sommerlichen Lähmung spinnen lässt.

Kommentare:

  • Wunderbar sinniert Frau Stoll
    Sonya , 25.07.11 (vor 10 Monat) Antworten

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