Irrlichten im Sittertobel

Von Florian Schoop, 23. Juli 2011

In unserer Sommerserie besuchen wir eine Reihe von Openairs. In unserem ersten Teil: Das Openair St. Gallen.

  • Die beiden ehrlichen Finder der Kamera. (Bild: Florian Schoop)
  • Das Openair St. Gallen erfreut die Massen. (Bild: Florian Schoop)

Freitagabend. Ich bin zu ausgeschlafen, zu sauber und zu nüchtern, um hier zu sein. Hier, am Openair St. Gallen. Ich stehe mit meinem Rucksack auf der Brücke, die über die Sitter auf das Festivalgelände führt. Ein Duft steigt mir in die Nase, wie es ihn nur hier gibt: Gebratenes Fleisch und ausgeleerter Alkohol, vermischt mit dem Gestank des modernden Schlammes. Grüppchen von grölenden Festivalgängern ziehen an mir vorbei. Ich gehe mutig weiter, über die Brücke hinein ins Vergnügen.

Die Festival AG

Während vier Tagen macht sich im Sittertobel ein Grossunternehmen breit, das unter dem Jahr nur einige Köpfe gross ist. Die Openair St. Gallen AG orchestriert diesen Anlass perfekt. Sie greifen auf 35 Jahre Erfahrung zurück und haben in dieser Zeit viel gelernt. So ist das Gelingen des Festivals nicht mehr nur auf die Ticketverkäufe zurückzuführen. Heute betragen diese Einnahmen lediglich noch die Hälfte. Die andere Hälfte spülen die Essensstände und das Sponsoring in die Kasse der Aktiengesellschaft. Dies macht sich auch auf dem Gelände bemerkbar. Bereits am Eingang wird man mit Gratismustern und Swisslosen torpediert. Ich steige auf einen Hügel, wo eine amerikanische Bar Discohits aus den 90ern durch die Soundanlage scheppern lässt und überblicke das Festivalgelände. Der Anblick erinnert an eine aus den Fugen geratene Schrebergartensiedlung. Weisse Billigpavillons reihen sich an bunte Zelte. Dazwischen steigt Rauch auf, der die Sicht auf das Festivalgeschehen vernebelt. Über diesem Dunst ragen die beiden Bühnen, aus denen dumpfe Bässe zu hören sind. Weiter entfernt stechen mir drei Werbetürme ins Auge. Sie sind bunt und präsentieren erfolgreich ihre Namen.

Im Sog des Sittertobels

Die Dunkelheit ist über das Gelände gefallen. Mit ihr hat sich auch meine Stimmung dem Geschehen angepasst. Ich strauchle durch die Massen und bleibe an einer Gruppe hängen. Sie sind laut, männlich und tragen T-Shirts mit der Aufschrift «Ficken?». Ich frage sie, ob dieses T-Shirt schon mal seinen Zweck erfüllte. In breitestem Rheintalerdialekt antwortet der eine mit dem Sombrero: «Na klar, was glaubst du denn?» Ich lasse sie weiter ziehen. Vor der kleinen Bühne reisst mich eine Hand aus der Menge. Ich finde mich in einem Kreis lärmender Berner wieder. Sie nennen mich Päscu und umarmen mich. Einer nimmt mich in den Schwitzkasten und tätschelt mir freundschaftlich auf den Kopf. Man reicht mir eine PET-Flasche mit Kräuterlikör und feuert mich beim Trinken an. Es ist ein Phänomen. Nirgends kann man sich so in die Menge fallen lassen wie hier. Nirgends lässt sich so gut irrlichten wie im Sittertobel. Es ist egal, wer du bist, Hauptsache du bist hier.

«Bacardi-Dome, was denn sonst?»

Ich strande vor einem der unzähligen Essensstände und frage einen jungen Mann nach seinem Highlight an diesem Openair. Er trägt ein enges, weisses T-Shirt und eine perfekt sitzende Gelfrisur. Seine Antwort fällt knapp aus: «Bacardi-Dome, was denn sonst?» Ich entschliesse mich dorthin zu gehen. Den Dome zu finden, ist ziemlich einfach. Es ist das weisse Zelt mit dem drehenden Logo des Rumherstellers auf dem Dach. Hinein zu kommen, ist schwieriger. Vor dem Eingang tummeln sich massenhaft Menschen. Ich wähle den Eingang, der über eine kleine Brücke führt. Von hinten und vorne wird gestossen. Ich stosse mit. Vor mir tanzen zwei Frauen eng umschlungen mit einem Mann. Ich tanze mit und werde ebenfalls umschlungen. «Im Bacardi-Dome geht es schnell zur Sache», denke ich und schaue mich um. Mein Blick bleibt an einer Frau mit langen blonden zum Mittelscheitel gekämmten Haaren hängen. Ihre markanten Wangenknochen und die tiefen Furchen im Gesicht erinnern mich an Iggy Pop. Sie ist die einzige, die sich nicht bewegt. Wie kann sie in dieser Masse stillstehen? Ihr starrer Blick hat etwas Irres. Ich erwarte, dass sie jeden Moment ein Messer zückt und losschreit. Sie bleibt stumm.

Im Morgengrauen

Draussen wird es langsam hell. Ich ziehe durch die braungetretenen Gassen. Vor der Hauptbühne spielen zwei Jugendliche im Meer aus Plastik Baseball mit PET-Flaschen und einer Zeltstange. Weiter hinten werfen glatzige Security die letzten Tänzer aus der Marlboro-Lounge. Es wird ruhig auf dem Gelände. Zwei Jungs versuchen sturzbetrunken einer Gruppe von Mädchen zu imponieren. Sie lallen heiser und halten sich gegenseitig an den Schultern. Daneben zieht einer ein rotes Rhinozeros aus Gummi an einer Schnur hinter sich her. Die Szene hat etwas Behagliches. Die Stimmung an diesem Openair ist schwer zu beschreiben: Eine Mischung aus Rausch, Offenheit und Entspanntheit wie es sie selten gibt. Nicht umsonst wurde das Openair St. Gallen von der grössten britischen Festivalplattform virtualfestivals.com zum fünftbeliebtesten Openair in Europa gewählt. Ich kehre zu meinem Zelt zurück. Auf dem Weg treffe ich die «Ficken?»-Jungs. Sie sitzen auf der Treppe des geschlossenen Bacardi-Domes. Einer von ihnen stützt seine Ellbogen auf die Knie und lässt den Kopf hängen. Vor ihm liegt Erbrochenes. Meine Frage, ob sie heute Abend Erfolg gehabt hätten, bleibt unbeantwortet.

«Pass besser uf din Scheiss uf!»

Am nächsten Morgen bemerke ich, dass meine Fotokamera fehlt. Die muss mir irgendwo auf meinen Streifzügen abhanden gekommen sein. Auf dem Fundbüro habe ich Glück. Sie wurde gefunden und hier abgegeben. Ich zappe durch die Fotos und entdecke ein Bild von den Findern, welche die Kamera beim Fundbüro abgegeben haben. Sie halten ein Blatt in die Linse auf dem steht: «Pass besser uf din Scheiss uf!» Ihren Rat nehme ich mir zu Herzen. Nach einer Reihe grossartiger Begegnungen und mittelmässiger Konzerte packe ich meine Sachen zusammen und steige verbraucht aber zufrieden in den überfüllten Zug nach Zürich. Müde, schmutzig und noch kaum ausgenüchtert.

Kommentare:

  • Trotz des bedenklich leichtfertigen Umgangs mit Fäkalsprache ein erfrischend wohl recherchierter Beitrag.
    zs-reader, 04.04.12 (vor 2 Monat) Antworten
  • Verfolgt die Festival Hickers.

    http://vimeo.com/user5469510
    Semestra , 14.07.11 (vor 10 Monat) Antworten

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