Paléo Festival – nur für Erwachsene

Von Corsin Zander, 06. August 2011

Im zweiten Teil der Openair-Sommerserie war die ZS am Paléo Festival in Nyon.

  • Die Stimmung vor der Hauptbühne. (Bild: Paléo/Pierre Descombes)
  • Mitten im Village du Monde. (Bild: Paléo/Jacques Rattaz)
  • Rund um das Festival hat es für jeden etwas dabei. (Bild: Paléo/ETAP)
  • Die Zelte stehen dicht beieinander. (Bild: Paléo/Pierre Descombes)

Ich bin konservativ und intolerant. Ich mag es nicht, mich in Menschenmassen zu stürzen und schon gar nicht, wenn die auch noch betrunken sind. Ich meide Clubs, die Streetparade, das Knabenschiessen, Neujahrspartys und sogar das Zürifest.
Und ich bin durchtränkt mit Vorurteilen über grosse Openairs. Als ich vor zwei Jahren in der Partyhölle am Sittertobel (Openair St. Gallen) war, fühlte ich mich bestätigt – seit meinem Besuch am Paléo Festival in Nyon weiss ich aber: Es geht auch anders.

Vorurteil 1: Openairs sind sterile, komplett durchkommerzialisierte Events ohne Charakter

Grössere Openairs sind heute ohne Sponsoren undenkbar. Beim Openair St. Gallen spülen Getränkefirmen oder Telefongesellschaften die Hälfte der Einnahmen in die Kassen der «Festival AG». Die Namensrechte verschiedener Partyzelte werden verkauft wie bei Fussballclubs die Stadiennamen. So feiert man im «Bacardi Dome», «Marlboro Wah Wah Woom» oder im «MTV Tower» (Openair Frauenfeld). Und auch auf dem Festivalgelände gelten Regeln wie bei der FIFA: Getrunken und gegessen werden nur Lebensmittel von Sponsoren.
Nicht so am Paléo: Die kulinarische Auswahl ist riesig. Essenstände sind über das ganze Gelände verteilt. Vom Fondue über den Döner bis zum Chilli con Carne, ist für jeden etwas dabei. Gefeiert wird im «Chapiteau», «Dôme» oder im «Club Tent». Im «Village du Monde» gibt es jeweils ein Festival im Festival, das kulturell durch ein Land oder eine Region bestimmt ist. In diesem Jahr ist es die Karibik.
Beim Haupteingang erwarten die Besucherinnen und Besucher keine intime Leibesvisitationen. Wer seine Flasche, Dose oder was auch immer mit auf das Gelände nehmen möchte, kann das ohne Probleme tun. Für alle diejenigen, die sich keine Karte für das eigentliche Festivalgelände ergattern konnten (das Festival ist seit Jahren jeweils innert Kürze ausverkauft), gibt es zwischen den Bühnen und dem Zeltplatz eine frei zugängliche Zone mit verschiedenen Bars, einem Markt und einem kleinen Zelt mit DJ.

Vorurteil 2: Openairs sind ein Grund für Teenager, so richtig auf den Putz zu hauen

Sehen und gesehen werden ist bei vielen Grossanlässen wichtig. Wer hat die lustigste Brille? Wer ist am originellsten angezogen und wer kann sich mit seinem Megafon am besten Gehör verschaffen? An Openairs gelten eigene Regeln, Menschen verlieren ihren Anstand komplett und es herrscht absoluter Ausnahmezustand.
Nicht so am Paléo: Das Durchschnittsalter ist hoch, Erwachsene sind nicht angewidert und Kinder müssen sich nicht vor einer feiernden Meute in Acht nehmen. Die Atmosphäre ist äusserst friedlich. Zahlreiche Familien machen den Openairbesuch zum gemeinsamen Ausflug. Die Kinder spielen im festivaleigenen Kinderhort, während die Grosseltern im Zelt nebenan ihr Fondue geniessen.

Vorurteil 3: Zelten ist ein einziges Ärgernis

Manch einer sitzt am Gurten, im Sittertobel oder im Frauenfeld während des ganzen Festivals vor dem Zelt und schüttet sich zu. Frei nach dem Motto: «Musik? Ach ja das gehört halt dazu, aber eigentlich ist es mir vollkommen egal, wer da spielt.» Man ist da, um die Sau rauszulassen und zwar die ganze Nacht. «Helga» mag ein netter Brauch sein, Urin und Erbrochenes vor und am Zelt ist es weniger.
Nicht so am Paléo: Was an anderen Orten die Helga ist, sind hier die Trommeln, die mitten in der Nacht durch das Zeltdorf ziehen. Doch ansonsten geht es recht gesittet zu und her. Manch einer schläft ungestört bis am Mittag.

Vorurteil 4: An Openairs regnet es immer

Dieses Vorurteil hat sich auch am Paléo einmal mehr bestätigt, da kann wohl kein Festival etwas dagegen unternehmen. Alle, welche die Sau rauslassen wollen, sollten dies also besser an einem anderen Ort tun, denn das Paléo ist nur für Erwachsene. Oder deren Kinder. Oder Konservative und Intolerante.

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